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Acasa – My Home

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16.07.2024
19:00

Radu Ciorniciuc

Rumänien 2020, 86 Min.

OmU

„Acasă, My Home“ erzählt die Geschichte einer obdachlosen Roma-Familie, die etwa zwanzig Jahre lang im wilden Văcăreşti-Delta am Rande der rumänischen Hauptstadt lebte, einem verlassenen Ort, der nach seiner Verwilderung zu einem Schutzgebiet und dem ersten städtischen Naturpark Rumäniens erklärt wurde. Vier Jahre lang verfolgte der Regisseur Radu Ciorniciuc das „große Abenteuer“, das die Familie Enache erlebt hat, ihren Weg von einem Leben in perfekter Harmonie mit der Natur zu einem Leben im Großstadtdschungel. Gleichzeitig startete sein Team ein soziales Projekt, zu dem viele Experten und humanitäre Organisationen beitrugen. Und das aus gutem Grund: Die elf Mitglieder der Familie Enache hatten ein Leben außerhalb der Gesellschaft geführt – ohne Identitätspapiere, ohne Bildung, ohne Zugang zu medizinischer Versorgung. Mittlerweile sind alle neun Kinder dieser Familie behördlich registriert, sind in der Schule eingeschrieben und werden regelmäßig von Ärzten besucht. Die Erwachsenen ihrerseits haben feste Arbeitsplätze.

 Der Reporter Radu Ciorniciuc ist einer der Gründer des unabhängigen Journalisten-Portals „Casa Jurnalistului“ und Produzent von zahlreichen Reportagen.

„Meine Faszination für die Geschichte dieser Familie ist dadurch zu erklären, dass diese Menschen eine starke und konsolidierte Familie sind. Zum zweiten die fabelhafte Beziehung der Kinder zur Natur ist eines der Themen, die meiner Meinung nach eine große Bedeutung tragen. Nachdem sie in die Stadt gezogen sind, habe ich natürlich den Integrationsprozess beobachtet..““

Meistgekrönter Dokumentarfilm des Jahres

Die Dokumentation „Acasă, My Home“, mit der der Filmemacher Radu Ciorniciuc sein Debüt als Dokumentarfilmregisseur gab, hat auf dem Internationalen Filmfestival Sundance den Preis für das beste Bild (den World Cinema Documentary Award) erhalten. Die rumänische Dokumentation wurde ebenfalls mit dem Preis der Jury auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki ausgezeichnet. In München erhielt der Dokumentarfilm von Radu Ciorniciuc den Großen Preis des Festivals DOK.fest.

In der Wildnis des Bukarest-Deltas, hinter dem Rand der Millionen-Metropole, lebt eine Familie seit über zwanzig Jahren in einsamer Harmonie mit der Natur, in einer selbstgebauten Hütte am Ufer, trotzt der rauen, indifferenten Umgebung, fängt Fische mit bloßen Händen und folgt dem Rhythmus der Jahreszeiten.

Als die Stadt allerdings beschließt, das Gebiet zum größten Naturpark der EU zu erklären, sollen die Enaches zwangsumgesiedelt werden. Die Familie beschließt ihr Zuhause nicht kampflos aufzugeben. Doch auch die Stadtverwaltung ist nicht ganz ohne Argumente: Die Kinder gehen nicht zur Schule, der Zugang zu medizinischer Versorgung ist miserabel, es gibt keine berufliche Perspektive und keine Teilhabe am zivilgesellschaftlichen Leben. Ihr Leben ändert sich für immer.

Die elfköpfige Familie wird gezwungen ihr unkonventionelles Leben hinter sich zu lassen und in die Großstadt zu ziehen, wo die Fische in den Händen der Kinder durch Smartphones ersetzt und die Nachmittage nicht mehr im Freien, sondern im Klassenzimmer verbracht werden.

Mühsam müssen sie versuchen sich den Zwängen des urbanen Lebens anzupassen und beginnen, einer nach dem anderen ihre Zukunft in dieser Welt infrage zu stellen. Aufgewachsen in der Wildnis, ringen die neun Kinder und ihre Eltern um einen Weg die Familie im Beton-Dschungel zusammenzuhalten.

Regisseur Radu Ciorniciuc erzählt mit seinem preisgekrönten Debütfilm die fesselnde Geschichte einer verarmten Familie beim Scheitern im Kampf um ihre eigene Version von Freiheit.

 

Im Verleih von GLOTZENOFF

Filmgespräch mit Ruth Fühner, naxos.Kino

© Manifest Film

Intercepted

23.07.2024
19:00

Oksana Karpovych

CAN / UKR / F 2024, 93 Min

Russisch mit englischen Untertiteln

Von Katja Petrowskaja

Es war einmal eine Schule im Dorf Lebjazhe, nicht weit von Charkiw. Wir sehen ein Fresko an der Wand, Vorhänge in Nationalfarben, eine Leinwand, eine heruntergerissene Deckenlampe, rote Klappsessel. Das Leben ist hier stehen geblieben. Nur der Wind – der Hauptheld der zerstörten Räume – spaziert durch die Aula und bewegt die Leinwand und die Deckenlampe. Das Gesicht des gemalten Mädchens auf der Wand zeigt sich und wird wieder durch die weiße schwingende Leinwand bedeckt.

Ein russischer Soldat sagt zu seiner Geliebten am Telefon, jetzt sei er fähig, auf den Kopf eines Menschen zu zielen, und dann: „Bam!“, ja, er könne auch Menschen die Köpfe abreißen. „Bist du stolz darauf?“, fragt sie. „Es ist mir scheißegal“, sagt er.

Der stille, fast statische Film „Intercepted“ („Mitgehört“) der jungen ukrainischen Regisseurin Oksana Karpovych lief auf der Berlinale. Den Soundtrack des Filmes bilden Gespräche von russischen Soldaten mit ihren Müttern, Ehefrauen oder Geliebten, die von den ukrainischen Geheimdiensten in den ersten Monaten des Krieges mitgehört wurden.

Die Soldaten erzählen, was sie in der Ukraine machen, wie sie das Töten lernen und wie gut ihnen das Eis schmeckt. Intim, leise, schreckerregend, mit Details, die man leider nicht vergisst. Das Visuelle des Films besteht aus dem ukrainischen Alltag, der von ebendiesen „Sprechern“ Schritt für Schritt zerstört wird.

„Intercepted“ entfaltet die Diskrepanz zwischen zwei parallelen Welten. Man hört von Plünderungen und Torturen, und man sieht, wie Menschen im Sommer in einem Teich in Irpin baden, im Hintergrund ein zerstörtes Hochhaus; zwei alte Frauen sitzen im Keller, wie versteinert. Neben einem verbrannten Haus setzt ein Vater sein Kind in den Kinderwagen, eine Frau fegt das zersplitterte Glas ihrer Fenster weg, drei Jungen spielen Volleyball, ohne auf die Sirenen zu achten. Schulen, Sporthallen, Straßen. Ein Tableau vivant aus dem ukrainischen Alltag im Krieg. Das Leben sickert durch die Zerstörung hindurch, in ständiger Begleitung des russischen Voiceovers.

Ich habe mir den Film zweimal angeschaut und festgestellt, dass jede Einstellung fast eine ganze Minute dauert, man hat Zeit, sich an die Bilder zu gewöhnen, sie auszukosten, zu verstehen, was man sieht. Aber die Zeit ist hier eine trügerische Zugabe, man versteht trotzdem nicht, wie alles geschah, wie es geschehen konnte und warum es weiter geschehen darf. Manchmal sind die Bilder so statisch, dass man denkt, man sehe ein Foto, nur die leichte Bewegung eines Vorhangs verrät das Filmische, den Lauf der Zeit. Die Stimmen der Soldaten wirken wie Chroniken von einem anderen Planeten.

Das russische Imperium führt die Eroberung mit den Händen der ärmsten Schichten der eigenen Bevölkerung, oft aus den fernsten Provinzen. Der Film zeigt die Verblendung der Soldaten – als würden sie nicht sehen, was wir sehen –, aber noch mehr zeigt er die Verblendung der Frauen, die ihre Männer unterstützen. Man hört sie über Faschisten reden, über Biolabore und darüber, dass man Ukrainer einfach töten dürfe, auch wenn es nur eine Frau ist, die mit ihren Kindern vorbeigeht. Es gibt keine Kommunikation zwischen Bild und Ton, zwischen dem verwundeten Land und der Wahrnehmung der russischen Soldaten, ihr Zweifel kommt von der Müdigkeit, nicht von Empathie.

Die Bilder entwickeln einen Sog durch ihre Dauer, man blickt in ihre Tiefe. Die Dauer entspricht der Zeit des Kriegs. Die Zerstörung ist endlos. Die Bilder vermeiden den Affekt, die starke, direkte Emotion. Da zieht eine Herde Vieh am Horizont vorbei, langsam wie im Schlaf. Dann schauen wir in verlassene Wohnungen, ewig lang.

Zwei Jahre wütet der Krieg auf einem riesigen Territorium, man möchte aus dieser Realität erwachen. Die Bilder des Films wirken wie Aussagen eines Zeugen. In diesem langsamen Hinschauen der Kamera sieht man den Krieg, der dauert. Auch in mir sind diese Bilder geblieben, wie ein Katalog von Fotos, wie ein Kompendium des Geschehens.

Unser Gast:  Dr. Jonas J. Driedger vom Leibniz-Institut für Friedens-und Konfliktforschung (jetzt:PRIF).

 

Moderation: Carola Benninghoven, naxos.Kino

© Lightdox, Bild © Christopher Nunn

Jud Süß 2.0

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30.07.2024
19:00

Felix Moeller

D, 2022, 77 Min

Deutsch

Der Antisemitismus ist weltweit auf dem Vormarsch und alltäglicher Judenhass bleibt von erschreckender Aktualität. (Ur)alte antijüdische Feindbilder und Verschwörungsmythen werden im digitalen Raum recycelt. Millionenfach werden antisemitische Inhalte gepostet und auf Video-Plattformen und Social Media geteilt. „Jud Süß 2.0“ dokumentiert die visuellen Wurzeln dieses Antisemitismus und wirft dabei den historischen Blick zurück auf die Bildpropaganda des Nationalsozialismus: Wirken Klischees, Stereotype und Narrative von NS-Filmen wie „Jud Süß“ bis ins Heute hinein? Extremismus-Forscherinnen, Historiker und Online-Aktivistinnen decodieren diese alten und neuen Stereotype, geben Einblick in den geschichtlichen Kontext und folgen den Spuren der judenfeindlichen Verschwörungserzählungen, die direkt an alte Feindbilder aus Joseph Goebbels’ Propagandaministerium anzuknüpfen scheinen.

 

Zum Filmgespräch erwarten wir Astrid Kasperek von der Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt

Moderation: Stephen Lowry

© Blueprint Film/ALAVA

Dreamers

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06.08.2024
19:00

Stéphanie Barbey, Luc Peter

D/CH, 2024, 84 Min

Englisch/Spanisch mit deutschen Untertiteln

Im Alter von 9 Jahren kam er mit seinen drei Brüdern und seinen Eltern aus Mexiko illegal nach Chicago. Bis zu seinem 17. Lebensjahr hatte er Aufenthaltsrecht in der USA. Mit seinem 18. Geburtstag änderte sich sein Status: In den Augen des Gesetzes ist er seit diesem Zeitpunkt illegal in den USA. Der amerikanische Traum verwandelt sich in einen Alptraum. Der kleinste Fehler kann ihn zur Abschiebung führen.
Das Regiepaar Stephanie Barbey & Luc Peter haben Carlos und seine Familie über mehr als zwei Jahre begleitet und durch sie erlebt was es heißt, ohne einen legalen Status in der USA zu leben.
Die Schwarz-Weiß-Kameraarbeit von Nikolai von Graevenitz (Deutscher Kamerapreis 2022) wurde speziell ausgewählt, um diese Kontraste und Widersprüche hervorzuheben und zu betonen, was es bedeutet, im Schatten des US-Rechtssystems zu leben. Sie lassen uns die Glitzerwelt des amerikanischen Traums vergessen und vermitteln, trotz der harten Lebenssituation der Protagonist*innen, Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Moderation: Stephen Lowry

© Intermezzo Films